Jul im Jahresrad

von Simone Penkert

Die acht großen Feste des Jahres sind ein unmittelbarer Ausdruck heidnischen Lebens. Sie verdeutlichen den Menschen, die sie feiern nicht nur den zyklischen Verlauf eines Jahres, sondern auch dessen Besonderheiten. Sie kennzeichnen Beginn und Höhepunkt der vier Jahreszeiten und werden nach dem Stand von Sonne und Mond berechnet. Es gibt daher vier Sonnenfeste (Sommer- und Wintersonnenwende, Frühlings- und Herbsttagundnachtgleiche) und vier Mondfeste (Fasnacht, Hohe Maien, Leinernte, Winternacht). So folgt auf ein Sonnenfest jeweils ein Mondfest, welches in der Regel auf dem zweiten Vollmond nach dem vorherigen Fest liegt. Zu jedem der acht Jahreskreisfeste zeigt uns die Welt ein neues Gesicht. Für Menschen, die die Welt selbst als beseelt und göttlich begreifen und die in den verschiedenen Naturerscheinungen verschiedene göttliche Kräfte erkennen, erhält der Wandel der Natur eine besondere Bedeutung. So ist die zunehmende Dunkelheit nach der Sommersonnenwende nicht nur eine Folge der abnehmenden Einstrahlung der Sonne auf die nördlichen Bereiche der Erde, sondern die abnehmende Einstrahlung der Sonne ist eine Folge dessen, was der göttlichen Kraft, die sich in der Sonne zeigt, widerfahren ist. Die Mythen berichten uns zu diesem Fest von den schlechten Träumen des Sonnengottes Baldur, der zur Zeit der Sonnenwende stirbt. Seine Frau Nanna, die Göttin der blühenden Sommerblumen vergeht aus Liebe zu Baldur mit ihm. Und während beide in die Unterwelt fahren, welken die Sommerblumen und Licht und Wärme der Sonne lassen Tag für Tag nach.

Auf diese Weise erinnert jedes Fest, das wir zu einem bestimmten Zustand in der Natur feiern, an die göttlichen Kräfte, die in der Natur zum Ausdruck gelangen und an die Göttlichkeit der Welt. Doch die Feste betonen mit dem Wandel der Welt auch den Verlauf der Zeit. Ein Jahreskreisfest zu feiern bedeutet auch, zu erkennen, wie die Zeit verläuft und nichts bleibt, wie es ist. Dinge vergehen und andere kommen - nicht nur in der Natur, sondern auch im eigenen Leben! Den Verlauf der Zeit zu feiern, setzt ein gewisses Vertrauen in die Welt (eine Welt, die sich beständig wandelt) voraus. Weihnachtskränze und Tannenzweige sind ein vertrauter Anblick in der Vorweihnachtszeit und machen viel von der gemütlichen Stimmung um Weihnachten aus. Zumal auch duftende Lebkuchen und Stollen selten fehlen.
Aber nur wenige Menschen wissen heute noch um die Bedeutung der zahlreichen und beliebten Bräuche. Sie stellen einen Lichterbogen auf, weil man das eben so macht, wie es die Eltern auch schon gemacht haben und weil 's doch schön gemütlich ist; gerade auch darum, weil man etwas geschenkt bekommt. Oft werden dann auch alte Geschichten und Märchen erzählt wie Knecht Ruprecht durch den Schnee stapft, den artigen Kindern etwas schenkt und die Wütekinder mit seiner Rute oder einem wilden Blick erschreckt. Solche und ähnliche Geschichten und Lieder wecken dann etwas von der heiligen Stimmung des Weihnachtsfestes; eine Stimmung, die das Herz erfreut und nach der sich jeder wohl ein bißchen sehnt, der sich die Mühe macht, die weihnachtlichen Bräuche zu unterhalten. Doch wie soll man diese Stimmung erklären, wie sie weitergeben, wenn man nicht mehr um die Bedeutung des Festes und seiner Bräuche weiß?

Bei unseren Vorfahren, den Kelten, Germanen und Wenden, hatte Weihnachten verschiedene Namen. Sie nannten es nicht nur Jul, was soviel heißt wie Rad oder Beschwörung, Besprechung der Sonne, sondern auch Sonarblot, das Fest der Sonne (von Sonar = Sonne und Blot = Fest). Dieses Fest zu Ehren der Sonne wurde und wird in der längsten Nacht des Jahres, also zur Wintersonnenwende gefeiert. Liegt die Sonnenwende, die sich von Jahr zu Jahr um ein bis zwei Tage verschieben kann (zwischen dem 20. und dem 23. Julmond) am Morgen oder noch in der hellen Zeit eines Tages, so beginnt das Fest schon am Vorabend des Sonnenwendtages. Denn in der Mythologie des Nordens geht die Nacht dem Tage voraus. Ähnlich wie bei der Sommersonnenwende, die bis zu vierzehn Tagen lang gefeiert wurde, nahmen sich unsere Vorfahren auch um die Wintersonnenwende für das Julfest viel Zeit.

Denn auf die erste Festnacht, die große Mütternacht, folgen noch elf weitere Festtage und -nächte. Wer dieses Fest feiert, versichert sich nicht nur einer guten Ernte (im übertragenen Sinne also des Erfolges im neuen Jahr), sondern auch dessen, daß der Winter vergehen und ein neuer Sommer nahen wird. Mythologisch sind die zwölf Festtage, welche auch als die Raunächte bekannt sind, eine Zeit zwischen den Zeiten, nämlich den Schalttagen zwischen dem Ende des Mond- und dem Beginn des neuen Sonnenjahres. In diesem "dreizehnten Monat" sind wir mystischen Erfahrungen besonders zugänglich, denn hier stehen wir am Ende eines vergangenen Zyklus in der Entstehungszeit des neuen Jahres. Ragnarökr, das Schicksaal der Götter, ist weiter fortgeschritten und alle männlichen Gottheiten, die nicht schon im Verlaufe des Jahres vergingen, sterben. Sunna, die Göttin der Sonne, wird von den Wölfen des Himmels verschlungen. Das gleiche Schicksal ereilt den Sonnengott Odin, welcher vom Fenrirswolf, der Finsternis also, verschlungen wird. Odins Sohn aber kann den Wolf töten. Dadurch zerreißt er die Finsternis und die Götter können wiedergeboren werden. Das Julfest schenkt dem Sonnen- und Fruchtbarkeitsgott Freyr dabei besondere Beachtung. Aber auch Odin, welcher auch Jolnir (Gott des Jahresrades, Beschwörer der Sonne) heißt, hat großen Anteil an diesem Geschehen. Ist doch sein Sohn Widar, der dem Fenrirswolf entgegentritt, die Wiederverkörperung des alten Schamanengottes Odin.

Eigentlich ist schon der gesamte Julmond als Vorzeit des Weihnachtsfestes von seinen Bräuchen geprägt: So ist z.B. der Adventskranz nicht etwa ein Brauch von christlicher Bedeutung. Dieser aus Holunderzweigen gefertigte Kranz stellt das Rad des alten Jahres dar, und sein Schmuck ist Sinnbild der Fruchtbarkeit und der Erfolge dieses Jahres. Ebenso stehen seine Kerzen für die vier Jahreszeiten und der Holunder ist die Pflanze der Frau Holle, der Göttin der Unterwelt, die im Norden Hel heißt. Wer sich den heidnischen Kranz fertigen möchte, der besinnt sich seiner Erfolge in diesem Jahr. Die Symbole der Erfolge werden dann unter den entsprechenden Kerzen der jeweiligen Jahreszeit angebracht. Desweiteren kennt jeder den 6. Julmond als Nikolaustag. Doch wenn man Odins andere Namen kennt, weiß man, wer sich hinter dem alten Knecht Ruprecht verbirgt. Es ist Hnikar, der Aufhetzer! Seinem Roß stellt man am 3. Dezember einen mit Hafer gefüllten und aus Braunkohl (Rotkohl ist dasselbe) gefertigten Schuh vor die Tür. Diese Gabe soll Sleipnir, das Pferd Odins, das für den Himmelslauf der Gestirne steht (Sleipnir = der Schleifer; der Himmel, der sich über der Erde bewegt), dazu bewegen, weiter zu laufen, so daß sich der Himmel weiter bewegt, die Zeit weiter fortschreitet und das Schicksal seinen Lauf nimmt.

In der Weihnachtszeit, so sagt man, ziehen alle Götter und Ahnen umher. Damit diese freundlichen Wesen bereit sind, bei einem zu verweilen, bereitet man seine Wohnung schon im Julmond auf das Julfest vor. Zuerst entfernt man alle Kreuze, ja sogar alle gekreuzten Gegenstände wie offene Scheren. Zum einen deshalb, weil Kreuze Sonnensymbole sind und man den Lauf der Sonne durch die Unterwelt bis zu ihrer Wiedergeburt in unserer Welt nicht aufhalten möchte, zum anderen, weil sie der Rune Naudiz, der Not ähneln, die man ausziehen lassen möchte. Sind alle Kreuze entfernt, räuchert man die geputzte Wohnung mit Odinskopp (Alant) für Odin und/ oder Wermut für Frigg, welche man mit Kiefernharz vermengen kann. Diese Mischung gibt man auf eine glühende Räucher- oder Faßkohle, welche wiederum in einem halb mit Sand angefüllten Gefäß liegt. Weil das Räuchergefäß sehr heiß werden kann, ist es ratsam, einen Unterteller oder ein dickes Tuch darunter zu legen, damit man es später noch aufheben und tragen kann. Nachdem man etwas von der Kräuter-Harzmischung auf die Kohle gegeben hat, ruft man Odin und/oder Frigg an, auf daß sie einem bei der Reinigung der Wohnung helfen und viele hilfreiche Wesen sich darin ansiedeln mögen. Dann geht man mit dem Gefäß durch alle Räume, die man von der türfernen Ecke bis zur Tür hin ausräuchert. Dabei wiederholt man immer wieder: "Glück ins Haus, Unglück heraus", schließt alle Türen der Räume, die schon geräuchert sind, öffnet dann die Wohnungs- oder Haustür, räuchert auch den Flur bis zur Türe hin aus und schließt zuletzt auch diese.

Wie man die Wohnstatt nun festlich herrichten möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Als Anregung soll aber nicht nur der Weihnachtskranz dienen. Der Ursprung allen Weihnachtsschmucks ist der Perchtenmaien, ein heiliger Zweig, der zu Ehren der Percht (das ist die Prächtige), der winterlichen Erdgöttin (welche ein Aspekt der Frigg ist) aufgehängt wird. Er besteht aus dem gegrünten Zweig von Apfel, Kirsche, Eberesche oder Immergrün. Zu Ehren der Ahnen bieten sich Tanne, welche Segen bringt, aber auch Efeu, Ilex und Wacholder an. Zu Ehren Freys schmückt man die Wohnung mit Getreideähren.

Daneben gibt es noch den Lichterbogen und die Weihnachtspyramide. Beides sind Sonnensymbole. Das eine beschreibt ihren Lauf, das andere ihren Stand im Zenit. Dasselbe trifft auf den Weihnachtsbaum zu, dessen Spitze ursprünglich nicht mit einem Stern, sondern mit einer Sonne geschmückt wurde. Der mit Äpfeln und Nüssen behangene Lebensbaum erinnert aber auch an die Weltenesche Yggdrasil. Es gibt noch viele andere Bräuche wie das Heilkraft erhaltende Perchtenbettchen unter der Küchenbank, Gedecke für die Götter und Ahnen oder das Umsorgen des Hausgeistes, den man badet, wärmt und fettet, ja sogar neu einkleidet und füttert, bevor man ihm ein neues Bett bereitet. Am heidnischsten ist wohl aber der Freyrskult: Für ihn räuchert man Lärchenharz und tanzt vor seiner Figur. Sich zu Jul zu lieben, bringt Glück und das Wohlwollen des Gottes!

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