Bauernkunst und ihr geistiger Hintergrund

von Jürgen Funk

Ein heute wenig beachteter Zweig der Kultur stellt die Bauernkunst dar. Wer dieses Wort hört, verbindet damit meist ländliche Malerei auf Bauernmöbeln und stellt sich dabei Blumenbilder mannigfaltiger Art auf Schränken und Truhen von "anno dazumal" vor. Die Vorstellung ist nicht verkehrt, jedoch sehr eingeengt. In Wahrheit umfaßt Bauernkunst die gesamte volkstümliche Kunst der ländlichen Bauern- und Handwerkerscene, also z.B. die ursprüngliche Auszier an Hauswänden und Hausbalken, an Türen und Toren, auf Kleidung, auf Leder- und Töpferwaren und eben auch auf Möbelstücken. Darüberhinaus hat die Bauernkunst auch Einzug in die großen Städte gehalten, wie dort an den Stuckverzierungen mancher alter Mietshäuser unschwer zu erkennen ist.

Wesentlich an der Bauernkunst sind die verwendeten Bildmotive und Sinnzeichen, die sich in verschiedensten Abwandlungen immer wiederfinden. Diese Kennzeichen sind einigermaßen zahlreich aber umfänglich begrenzt. Vor allem sind sie sehr alt. Bei einigen von ihnen gelangen Herkunftsnachweise bis weit in die vorchristliche Zeit hinein.

Wissenschaftliche Nachforschungen erbrachten, daß gleiche bäuerliche Bildmotive in ganz Europa anzutreffen sind und darüberhinaus auch in Vorderasien bis nach Indien. Deshalb läßt sich vermuten, es könnte sich hierbei um Kulturgut aus der Jungsteinzeit handeln, das sich mit der indogermanischen Wanderung ausbreitete. Auffällig sind auch mancherlei Querverbindungen zu Märchen und Mythen, die sich leicht ziehen lassen.

Daraus erhellt sich, daß die Bauernkunst kein bloßer Zierrat ist, sondern in ihrer Gesamtheit eine Lebens- und Weltsicht des noch naturverbunden lebenden europäischen Menschentums widerspiegelt.

In einer Zeit des tiefgreifenden geistigen Umbruchs, wie der unserigen, erscheint es naheliegend, sich auf die Ursprünge des eigenen kulturellen Weges zu besinnen. Damit würde eine Nothilfe geleistet werden, die sich in der europäischen Geschichte in dieser Weise schon mehrfach bewährt hat: Immer dann, wenn in Europa eine kulturelle Strömung in eine Sackgasse geriet, erfolgte eine Rückbesinnung auf Wertvorstellungen einer vorangegangenen Epoche.

So geschah es zum Beispiel im 16. Jh. (Renaissance, Zeitalter der Wiedergeburt), in dem an die mittelmeerische Antike angeknüpft wurde. Dadurch erfolgte in Europa eine Abkehr von der eingeengten Weltsicht der Scholastik, die von mittelalterlichen Kirchenoberen gelehrt wurde. Auf diese Weise konnten in Deutschland - ausgehend von Italien - Wissenschaft und Kunst neu aufblühen.

Auch heutiger Kultur- und Lebensgestaltung würde ein frischer Wind in Form wesensgemäßer und bewährter Überlieferung gut tun. Die antike Welt der alten Griechen und Römer gäbe dafür wohl nicht mehr genügend her. Warum auch in die Ferne schweifen? Das Gute liegt so nah, - wenn schon bisweilen in versteckten Winkeln. Hierbei wäre vornehmlich an Denkweisen und Traditionen des schlichten, naturverbundenen Lebens der alten Deutschen und der verwandten Völker in Europa zu denken. Dafür könnte die Bauernkunst eine Eingangstür bieten. Diese Wahl erscheint aus mehreren Gründen vorteilhaft:

  1. Werke der Bauernkunst sind klar und übersichtlich gestaltet. Dementsprechend ist auch ihre geistige Aussage klar und einprägsam.
  2. Die Bauernkunst besteht aus einer überschaubaren Anzahl von Zeichen, Mustern und Zusammenstellungen von diesen.
  3. Sie ist technisch einfach zu handhaben und eignet sich für Architektur, Malerei, "sakrale" Kunst, Schmuck und als Auszier für handwerkliche Gegenstände aller Art. Sie ist damit überall anwendbar.
  4. Mit ihr lassen sich Aussagen zu allen wichtigen Bereichen des Lebens vornehmen. In überlieferter Anwendung dient sie hauptsächlich der Naturverehrung sowie, um dem Wunsch nach Gesundheit, Fruchtbarkeit und Glück Ausdruck zu geben.
  5. Die Ausübung der Bauernkunst bedarf keiner akademischen Ausbildung. Sie ist eben eine Kunst für das Volk.

Die angeführten Punkte beziehen sich auf die Vorteile in der praktischen Anwendung der Kunst. Inwiefern ihr geistiger Gehalt für zukünftiges Denken und Handeln im Gemeinschaftsleben tragfähig sein könnte, ist die weitergehende, entscheidende Frage. Wer hierauf eine Antwort sucht, dem mögen die knappen folgenden Ausführungen hierzu als Anhalt dienen:

Die bäuerliche Kunst ist aus der seelischen Grundhaltung naturverbunden lebender Menschen entstanden. Sie ließe sich als eine Art basisdemokratisches Gewächs betrachten, entstanden aus geistigen Bemühungen vieler Einzelmenschen über Generationen hinfort innerhalb eines Kulturkreises. Demnach ist das gesamte Leben als ein Netzwerk von Beziehungen zu verstehen. Hierin ist das All miteinbezogen. Somit spielen auch Sonne, Mond und Sterne eine wichtige Rolle.

Die Menschen älterer Zeiten hatten einen ausgeprägten Sinn für Ordnung. Die Ordnung wurde aus dem Naturgeschehen abgeleitet. Zu dem Zweck wurden Gestirnsbeobachtungsstätten gebaut, um den genauen Verlauf der Gestirne kennenzulernen, unter anderem "Stonehenge" in Südengland, das "Sacellum" der Externsteine bei Detmold und teilweise die Pyramiden. Nach den regelmäßig wiederkehrenden (scheinbaren) Sonnenumläufen erfolgte die Einteilung der Himmelsrichtungen, die Einteilung der Zeit nach Sonne und Mond.

Das Lebensgeschehen ergibt sich nach alter Sicht aus einem Zusammenspiel von Polaritäten. Das auffälligste Polaritätsgeschehen ergibt sich aus Wechselwirkungen zwischen Sonne und Erde. Auf diese Weise entsteht das irdische Leben. Die Sonne wird als die zeugende, die Erde als die empfangende und gebärende Naturkraft betrachtet. Diese Sicht ergibt sich wie von selbst in den nördlichen Breiten, wo durch den Wechsel von Sommer und Winter die lebenspendende Kraft des Sonnenlichtes besonders eindringlich erlebt werden kann. - Der Mond wurde der Erde als wesenhaft verwandt betrachtet.

Aus der umfassenden Sicht auf das Lebensgeschehen ergibt sich das Verständnis von Leben und Tod. Der Tod wird nicht als ein Unglück oder gar als Strafe betrachtet, sondern als eine "Ruhe im Ur", als ein Durchgangsstadium zu neuem Leben. Leben und Tod bilden einen immerwährenden Kreislauf (siehe hierzu das Grimmsche Märchen "Frau Holle", sinnverwandt der Mutter Erde).

Damit das Leben weitergeht, bedarf es neben dem großen kosmischen Paar Sonne und Erde der vielen kleinen Liebespaare im "Paradiesgarten". Das Fortsprießen der irdischen Fruchtbarkeit wird in der Bauernkunst durch den Lebensbaum in verschiedenen Abwandlungen dargestellt. Dem wird oft ein Menschenpaar beigesellt, um auf die Einordnung des Menschen in den natürlichen Ablauf von Stirb und Werde hinzuweisen.

Neben dem Ordnungssinn zeigen die altbäuerlichen Menschen ein Verstehen für Gleichgewicht und Gerechtigkeit, die wesentliche Vorbedingung für gütiges Denken und Handeln ist. In der Bauernkunst wird diese Einstellung zunächst durch einen spiegelbildlichen Aufbau der Bilder verdeutlicht. Weiterhin ist zu beachten, daß das Leben sich wechselvoll zeigt und es notwendig ist, alle an einem Geschehen beteiligten Geschöpfe angemessen zu berücksichtigen und zu würdigen, damit im Netzwerk der Kräfte nichts vernachlässigt wird, was Unheil nach sich zöge. Daraus ergibt sich bei manchen Bildern eine reiche Anzahl verschiedenster Wesen: Sonne, Erde, Menschen, Tiere, Pflanzen und Blumen geben sich ein wohlgeordnetes Stelldichein.

Nicht alle Menschen werden mit Glück gesegnet. Die Nornen spinnen das Schicksal für jeden. Nimm es an und mache dein Bestes daraus im Auf und Ab deiner Lebensbahn heißt es. Und was ist das Beste? Hierüber gab es bei den Altvorderen keinen Zweifel: Gleich ob Mann oder Frau, jeder hat sich nach besten Kräften für das Wohl der (überschaubaren) Gemeinschaft, was in alter Zeit für gewöhnlich die Großfamilie (Sippe) war, einzusetzen. Die Macht des Schicksals wird in der Bauernkunst häufig als Schlangenlinie mit Hoch und Nieder dargestellt.

In dem überlieferten Gestaltungsrahmen ist kein Platz für individualistische Seitensprünge. Jeder hat sich an die vorgegebenen Zeichen und Motive zu halten und deren Grundformen klar erkennbar auszuführen. Spielraum bleibt aber für Abwandlungen in Kleinigkeiten und auch in Grenzen für Zusammenstellungen von Zeichen, sofern es im Rahmen des altbäuerlichen Lebensverständnisses bleibt.

Wenn das beachtet wird, ist immer noch viel Platz beim Formgeben nach persönlichem Geschmack.

Grundsätzlich halte ich es für möglich und gangbar, auf die heutige Zeit bezogene Empfindungen und Gedanken mit Hilfe bäuerlicher Sinnbildkunst zu verdeutlichen und dabei auch andere Bestandteile in eine Darstellung mit hineinzusetzen. Das hat selbstredend nur dann Sinn, wenn das Ergebnis in sich stimmig und verständlich ist.

Empfehlenswertes Schrifttum zum Thema: Karl von Spiess, Bauernkunst - ihre Art und ihr Sinn, Wien, österreichischer Bundesverlag, 1925, 296 S. m. vielen Abb., Bauernmalerei - Meyers Modeblatt, Sonderheft 115, Verlag G. Meyers Erben, Klausstr. 33, 8008 Zürich

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Aufgrund einer Vereinssitzung fällt der Stammtisch im April aus. Der nächste Stammtisch findet am 12.05.2018 statt.
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Seit 1985 besteht die Heidnische Gemeinschaft als Verein. Grund genug für uns, ein ordentliches Fest zu veranstalten. Mehr dazu hier oder auf unserer Facebook-Seite.
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