Brauchtum zum Leinerntefest

Es ist klar, daß solch eine wertvolle und alte Kulturpflanze wie der Lein vielfältige Verehrung genießt. Es beginnt bereits mit der Wahl der günstigen Tage für die Aussaat. Es werden hier eine Reihe von, vorwiegend weiblichen, Heiligen genannt, z.B. Gertrud (17.03.), Maria Verkündigung (25.03.), Walpurgis (01.05.), Sophie (15.05.), Helen (22.05.), Erasmus (02.06..), Vitus (15.06.) u.a. Dies hat darin seinen Grund, daß der Lein als eine Pflanze der Frau gilt. Die verschiedenen Daten entstehen, weil es beim Lein eine Früh-, Mittel- und Spätsaat gibt.

Um das Gedeihen des Flachses zu fördern, gibt es eine Reihe von Analogie&ndashZaubern. Aus der Länge der Eiszapfen im Winter schließt man auf die Länge der Leinstängel. Am Fasnachtsmorgen werden Spinnrad und Spinnrocken gewaschen, damit der Lein gedeihe. So viele Leberknödel an Fasnacht gekocht werden, so viele Flachsbüschel gibt es. Mit dem übrig gebliebenen Backschmalz von Fasnacht werden die Achsen des Pfluges geschmiert. Das Sauerkraut muß an Fasnacht ganz aufgegessen werden, sonst wird der Flachs grasig, d.h. Unkraut gedeiht zwischen den Pflanzen.
Beim Säen müssen die Kopfbedeckungen abgegeben werden, damit die Haare ordentlich im Wind wehen und der Flachs schön haarig (fein) wird. Eine blaue Schürze wird umgebunden, damit der Lein schön blau blüht. Rituell wird beim Säen ein Ei verzerrt. Der Sämann und auch derjenige, der die Saat eineggt, verzehren beide ein Ei und werfen die Schalen als Opfer auf den Acker. Die gelbe Farbe des Dotters spiegelt die gelbe Samenkapsel des Leins wider und beim Eiweiß deckt man an die weiße Farbe der gesponnenen Leinwand.

Die Bearbeitung der Leinfaser, das Spinnen und Weben, war seit Urzeiten eine Beschäftigung der Frau. Die Spinnstube war der Ort, an dem Nachrichten ausgetauscht und Geschichten „ersponnen" wurden und an dem die Frauen unter sich waren.
Das Gedeihen des Flachses wurde oft mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung gebracht, in neueren Sprüchen auch schamhaft verhüllt. Ein alter, aus Thüringen stammender Spruch lautet:

Ich sehe (säe) jetztunder meinen Lein
In das gedünckte Land hinein
Und wünsch, daß er nicht eher blüh,
biß daß er mir reicht an die Knie,
krieg auch nicht ein einzige Knott (Fruchtkapsel)
biß er mir geht, biß an die Fott.
Also nun wachs
Mein lieber Flachs
So wirst du gut und lang
Verdienst umb mich gar großen Dank.

Derartige Anreden müssen weit verbreitet gewesen sein, denn ein mittelalterliche Chronist spricht davon, daß „die abergläubischen Weiber beim Säen des Leins sich zum Teil schändlicher Worte bedienen." Im Günztal (Bayerisches Schwaben) heißt es gewohnt deftig:

Flachs, woischt du was, özt wächst, daß mer gehst bis an Arsch.

Von der böhmisch&ndashsächsischen Grenze ist der etwas verhülltere Spruch überliefert:

Gout grüße dich mein lieber Flachs
Doß d`mer bekümst en guden Wachs;
Doß d`mer ne ofängst ehnder zo blühn,
Os bis d´mer thust gihn bis zun Knien,
Doß d´mer ne ehnder thust knötteln,
Bis d´mer thust rechen zu Görteln.

Wenn die Frau den Gürtel ziemlich tief trägt, kommt es ja auf dasselbe hinaus. Wenn wir bedenken, daß der Flachs eine Höhe von 60&ndash90 cm erreicht, liegt man mit dem geäußerten Wunsch im oberen Bereich. Die Aussaat des Leins wurde überwiegend von Frauen ausgeführt. Waren sie unter sich, gab es den Brauch, sich nackt im Acker zu wälzen und in der Johannisnacht (24.06.) nackt um den Flachs zu tanzen oder mit aufgehobenen Röcken durch das Flachsfeld zu gehen. In Finnland und Estland ist der Flachssäer unbekleidet, es gilt also auch für männliche Personen die Nacktheit.

Es gibt auch die Möglichkeit, bestimmte Reiser in den Acker zu stecken, so hoch, wie man den Flachs haben möchte. Verwendet wurden Birkenruten, ein Holunderstock, eine Weide oder ein Ebereschenstock, am besten mit dem Spruch: So hoch wie der Stecken, soll der Flachs sich recken."

Flachs in Träumen bedeutet Glück und Leinsamen, verheißt Glück und Reichtum. Deshalb legt der Pate Leinsamen als Geschenk zum Kinde, und dem Brautpaar streut man Leinsamen in die Schuhe. Viele Märchen, in den Flachs zu Gold versponnen wird, erinnern an die glückbringenden Eigenschaften. Aus Mecklenburg ist der Liebeszauber überliefert:

Hier seie (säe) ik min Lin
Hier seie ik min Saat
Ist jemand, der mich lieb hat
Der stell sich nachts im Traum bei mir ein.

Dieser Spruch wird an Fasnacht, Andreasnacht, Thomasnacht, Christnacht, Neujahrsnacht gesprochen und gleichzeitig Leinsamen unter das Kopfkissen gelegt. In den zwölften wird der Waldfrau Flachs ins Feuer geworfen, dem Holzfräulein läßt man nach der Ernte eine Büschel Lein stehen.

Im Gylfaginning 42 wird berichtet, wie Loki das Haar von Sif, Thors Frau, abschneidet. Sif wird auch als haarschöne Göttin bezeichnet, weil ihr Haar das schönste weit und breit ist. Sie wird, gemeinsam mit Thor, zum Leinerntefest verehrt und ihr wogendes und glänzendes blondes Haar ist das Getreidefeld, auf dem die leuchtendgelben Ähren sich im Wind wiegen. Loki schnitt der Sif das Haar ab und Thor hätte ihm jeden Knochen im Leib zerschlagen, wenn er nicht gelobt hätte, ein neues Haar zu beschaffen, welches dem alten an Qualität nicht nachstünde. So ließ ihn Thor gehen, und Loki gelangte zu den Zwergen, die die Söhne Iwaldis waren und ließ sich von ihnen goldenes Haar fertigen, das so kunstvoll war, daß es, wenn es einmal auf dem Kopf war, von selbst nachwuchs. Die Zwerge bauten weiterhin Skidbladnir, ein Schiff, das später dem Sonnengott Freyr geschenkt wurde und das immer guten Wind hat. Es ist in seiner Größe so verschieden, das es so klein sein kann, daß es in einer Tasche Platz hat, aber auch so groß, daß alle Götter mitsamt ihrer Ausrüstung darin Platz finden Schließlich fertigten die Zwerge noch Gungnir, den Speer Odins, der nie sein Ziel verfehlen wird.

Das Schiff Skidbladnir sind die Wolken, die so klein sein können, daß man sie kaum erkennen kann, aber auch so groß, daß sie den ganzen Himmel bedecken, Odins Speer ist ein Symbol des Sonnenstrahls. Wir haben in den drei Symbolen also Sonne, Regen und Getreide zu erkennen, die drei Zutaten, die nötig sind, um eine gute Ernte zu erhalten und den Menschen durch den Winter zu bringen.

Erntefeste:

Die meisten Erntebräuche ranken sich um die Getreideernte, während die Heuernte seltener von Bräuchen begleitet ist. Zur Rüben-, Kartoffel- und Tabakernte findet sich nur wenig Brauchtum. Meist wird das Ende der Ernte gefeiert, seltener der Beginn. Es feiert sich natürlich auch schöner, wenn man die Ernte sicher in der Scheune weiß.

Blüht das Korn oder wogen die schweren, vollen Ähren im Wind, so werden die bäuerlichen Ausdrücke verwendet: Es „wolkt" im Getreide, es „wodelt" im Korn, „der Wolf geht durchs Feld", „Bullkater" oder „Wetterkatzen" sind darin oder der „Bock", der „Eber" oder „die wilden Schwein" tummeln sich in ihm.

Als Vorerntespruch sind die Worte überliefert:

Das help uns de leewe Gott
On de heilgi drei Fraue
Dat dat Kore haue
Mag taue (Tauge).

Es ist interessant, daß dieser Wunsch schon die christliche Wendung „der liebe Gott" als auch noch die heidnische Zeile der „drei heiligen Frauen" enthält. Mit den drei heiligen Frauen sind natürlich die drei Schicksalsgöttinnen, die Nornen, gemeint. Die Verbindung vom Flachs und den drei Nornen beschreibt auch das Märchen der drei Spinnerinnen, das wir in dieser Ausgabe abgedruckt und naturmythologisch erläutert haben.

Um die Kornmutter zu befriedigen, wirft man die ersten drei Ähren der Ernte ins Feld. Bei den ersten 6&ndash8 Halmen sagt man in Oberfranken:

Wir geben`s der Alten
sie soll es behalten
Sie sei uns im nächsten Jahr
So gut, wie sie es diesmal war.

War die Ernte, die Schnitterarbeit, in vollem Gang, und es kam zufällig jemand des Weges, so wurde er mit einer Ähre gebunden und konnte sich nur durch Zahlung eines Lösegeldes vom durstigen Schnittervolk loskaufen.

Das Binden mit einer Ähre war eine Ehrbezeugung, wie folgender Spruch verdeutlicht:

Ich habe es vernommen
Der (Name) ist gekommen.
Wir binden Sie in Ehren,
das können Sie uns nicht wehren,
Mit einem Gläschen Bier oder Wein,
können Sie erlöset sein.

Oder auch folgender Erntespruch:

Es gibt ein altes Recht
Es gilt der Magd und auch dem Knecht
In alten Büchern ist`s zu finden.
Wir dürfen selbst den Bauern binden.
Ich meine nicht mit einem Strick,
das wär zu plump und auch zu dick.
Ich binde mit dem Ährenband
Die Fessel, die bringt niemals Schand,
Ihr braucht sie ja nicht lang zu tragen,
die Lösung brauch ich wohl nicht zu sagen,
doch vorher, wie es alter Brauch,
vernehmet meine Wünsche auch:
Der Himmel schenk Euch Glück und Segen,
auf allen Euren Lebenswegen."

Neuverheirateten Paaren werden ebenfalls Ähren an die Arme gebunden und bei der heidnischen Hochzeit werden Braut und Bräutigam an Arm und Bein mit zwei Strohbändern verbunden, bis die Hochzeitszeremonie zu Ende ist und die Eheringe die Verbundenheit ausdrücken. Mehr dazu könnt ihr in dem Hochzeitsartikel von Constanze lesen!

Wird der Wolf des Feldes bei der Ernte immer weiter in die Enge getrieben, so bleibt ihm schließlich nur noch die letzte Garbe als Zuflucht. Diese Garbe ist unter vielen Namen bekannt. So heißt sie Weibl, Roggenweib, Roggen- oder Hefermuhme, Haferalte, Flachsmutter, im norddeutschen Harkemai. Aus dem 16. Jahrhundert ist folgender neiderdeutscher Spruch überliefert. Ihn sangen die Schnitter, wenn sie die letzte Garbe umtanzten:

Wode, hale dynem Rosse nu voder (Futter)
Nu Distel unde Dorn
Thom andren Jahr beter Korn.

Mit Wode ist natürlich Odin bzw. Wotan gemeint, und ihm wird die letzte Garbe als Futter für sein Roß dargeboten, also ein Ernteopfer im besten Sinne.

Der Brauch der letzten Halme ist ähnlich wie der der letzten Garbe. Oft bleiben auf dem Feld einige Halme stehen. Man nannte sie Maul&ndashRoggen, steckte den Maulstock hinein und die Schnitter riefen neunmal „Wold" oder „Waul". Die Zahl neun ist besonders kraftvoll und heilig. Die Schnitter schlugen dabei mit dem „Streck", dem Schleifstein, auf das Sensenblatt und gossen den Rest ihrer Getränke auf das Feld, die Rasserinnen und Binderinnen klopften die Brotkrumen aus ihren Körben. So wurde der Erde wieder etwas geopfert als Dank für die reiche Ernte, die sie gegeben hat: Beim Verlassen des Feldes wird ein Lied angestimmt, das folgenden Text hat:

Woold, Woold, Woold!
Häwenhühne weit, wat schüht
Iümm hei dal van Häwen süht
Vulle Kruken and Sangen hätt hei
Upen Holte wäst mannigerlei
Hei ihs nig barn and wärt nig oold.
Woold, Woold, Woold!

Woold, Woold, Woold!
Himmelshüne weiß, was geschieht,
Immer herab vom Himmel er sieht.
Volle Krüge und Garben hat er,
auf dem Holze wächst mancherlei.
Er ist nicht geboren und wird nicht alt!
Woold, Woold, Woold!

Die letzte Fuhre des Getreides wird auf einem reich geschmückten Wagen heimwärts gebracht und aus ihr der Erntekranz oder die Erntekrone geflochten. Meist wird der Kranz aus allen Getreidearten geflochten und zusätzlich noch mit allerlei Feldblumen versetzt. Er wird dem Bauern vom Gesinde überreicht und erhält im Haus einen Ehrenplatz bis zum nächsten Jahr. Beim Überreichen werden Verse, wie die folgenden gesprochen oder gesungen:

Nun wünschen wir dem Bauern Glück
Und bringen ihm den Kranz.
Er ist der Schnitter Meisterstück
Mehr wert, als Goldes Glanz.

Hier bringen wird den Kranz
Er ist gebogen und gezogen
Die schöne Nachtigall ist hindurchgeflogen
Wollen sie die schöne Nachtigall wieder haben
So müssen sie den Kranz auf ihren Händen tragen.

Beim abschließenden Erntefest und Erntetanz wird das Wodelbier getrunken und auch die aus der letzten Garbe geflochtene Erntefigur, der Wauld, mit dem Bier übergossen.

Aktuelles

23. Dezember 2016
Nachruf auf Einar


Nun bist Du fort! Viel zu früh und auf eigenen Wunsch. Unzählige Feste haben wir zusammen gefeiert, zusammen getrommelt, gelacht und gesungen, Alltägliches erlebt und Besonderes, und ...
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17. November 2015
30 Jahre Heidnische Gemeinschaft


Seit 1985 besteht die Heidnische Gemeinschaft als Verein. Grund genug für uns, ein ordentliches Fest zu veranstalten. Mehr dazu hier oder auf unserer Facebook-Seite.
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27. Oktober 2015
Festnachlese-Winternacht


Nun ist es wieder soweit! Die Blätter leuchten gelb und rot, es wird – auch begünstigt durch die Zeitumstellung vom Sonntag – wieder richtig früh dunkel und wenn man morgens ...
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