Ägir und Ran

Das Meer ist eine der großen Kräfte unserer Welt und entsprechend gibt es eine Vielzahl von Wesen, die in ihm wohnen und eine Reihe von Gottheiten und Riesen, die mit dem Meer in Verbindung gebracht werden. Zum Meer gehören auch zwei Wesenheiten, deren Namen die meisten von uns kennen werden, von denen wir aber trotzdem ein eher vages und verschwommenes Bild haben: Ägir und Ran. Zunächst zum Ägir:

Am prägnantesten zeigt er sich in dem Edda-Lied, das seinen Namen trägt: dem Aegirsdrecka, Ägirs Trinkgelage. Wegen Lokis unrühmlichem Auftritt heißt es auch Lokasenna, Lokis Zankreden. Fast alle Götter und Göttinnen, die Rang und Namen haben, sind in Ägirs Halle versammelt. Sie zechen, schmausen und sind fröhlich, bis Loki, der dies nicht erträgt, einen Diener des Ägir erschlägt und fortgejagt wird. Er kehrt zurück, darf aufgrund alter Schwüre mit Odin erneut Platz nehmen und setzt nun zu seinen berühmten Schmähreden an. Erst Thor, der verspätet, von Ostfahrten heimkehrend, erscheint, schlägt den Loki in die Flucht; eine Flucht, die schließlich mit der Aufspürung und Fesselung des Feuergottes endet.

Wer ist nun aber der Gastgeber?
Ägir oder auch Ögir ist ebenfalls unter den Namen Hler bekannt und einer der drei Söhne des Riesen Forniot (wahrscheinlich von forn- jotr = alter Jöte), der in Norwegen als Stammvater eines Riesengeschlechts gilt. Er hat die Söhne Hler (Meer), Logi (Feuer) und Kari (Wind). Auch das Wort Ägir bedeutet im Altnordischen sowohl Meer als auch Meerriese und hängt mit germanisch ahwo, lateinisch aqua zusammen.

Ägir ist den Göttern freundlich gesinnt, eine für einen Riesen nicht unbedingt selbstverständliche Charaktereigenschaft. Näheres erfahren wir in dem Lied, das dem Aegirsdrecka vorangeht, dem Hymirskwida. Hier wird in den ersten drei Strophen berichtet, daß die Asen reiche Jagdbeute gemacht hatten und nach einem geeigneten Platz für ein Gelage suchten. Durch Runenlos fiel die Wahl auf Ägirs Halle. Der Meerriese ist ob der Entscheidung „barnteitr = fröhlich wie ein Kind", obwohl er, wie direkt im Anschluß berichtet wird, von eindeutig riesischem Aussehen ist. Thor schaut ihm in die Augen und befiehlt, nicht bittet: „Du sollst uns Asen noch oft einladen." Der Riese, darüber verdrossen und vielleicht auch verängstigt (bei Thors Blick nicht verwunderlich) sinnt auf Rache und fordert als Gegenleistung einen Braukessel, der groß genug ist, um Bier für alle in ihm zu brauen. Eine sehr schwierige Aufgabe, wie das folgende Abenteuer des Thor - zusammen mit Tyr - zeigt. Das Lied schließt mit den Worten, daß Thor mit dem Kessel zum Thing kommt und „die Götter nun munter Bier beim Ägir trinken können zur Zeit der Flachsernte". Wir erhalten hier eine genaue zeitliche Zuordnung, das Festmahl ist das Leinerntefest.

Ägir steht den Göttern also zwiespältig gegenüber, ist aber durch die Heiligkeit des Gastrechts in jedem Fall gebunden. Seine Gastfreundschaft ist so sprichwörtlich, daß Odin sie im Grimnirsmal 45, als er von der Beschaffenheit der Welt erzählt, erneut erwähnt. In dem Werk zur Dichtkunst, dem Skaldskaparmal, ist es ebenfalls Ägir, der sich auf den Weg zu den Asen macht, um Wissen auszutauschen und dort mit dem weisen Bragi in Gespräch kommt.

Auch das Meer ist zwischen Ufern und Grund wie Wasser in einem riesigen Kessel eingesperrt; im Winter ist es in der Gewalt der Riesen (Hymir), es schäumt, wenn sich Stürme zusammenbrauen und die Sonne ist zweimal täglich zu Gast, wenn sie unter- und wieder aufgeht. Gold schließlich hat das Meer in Hülle und Fülle, jedes gesunkene Schiff bringt ihm ein bißchen mehr.

Ran

Ägirs Gattin ist die Ran, die Göttin des Seetodes. Ihre Abstammung ist nicht bekannt, ihr Name wird vom altnordischen ran = Raub hergeleitet. „fara til Ranar" heißt „zur See ertrinken" und „sitja at Ranar" „ertrunken sein". Neben der Freya und der Hel ist die Ran die dritte weibliche Gottheit, die Verstorbene empfängt. Sie sammelt die Ertrunkenen mit ihrem Netz ein, das so dicht geknüpft ist, daß ihm keiner entgehen kann. Diesen Umstand macht sich Loki zunutze. Wie im Skaldskaparmal 39 ff. und im Reginsmal berichtet wird, leiht sich Loki Rans Netz, um den Zwerg Andwari zu fangen und dessen Schatz, der später zum Schatz des Nibelungen wird, zu erpressen.

Die neun Töchter der Ran sind die Wellen, die neun Namen bedeuten „Welle, die sich Hebende, die Kalte usw.", Dichter durften später jegliches Kenning für Welle als Benennung einer Ägirstochter verwenden. Von diesen neun Töchtern wird schließlich Heimdall geboren.

Erscheint die Ran auch unerbittlich und fehlen ihr die heiteren Züge des Ägir, so wird ihr Saal nicht als schreckensvoll, sondern als gastfreundlich beschrieben. Wie in der recht jungen Frihtjofssage und vom Isländer Sneglu- Halli beschrieben, erhalten Ertrunkene das Gastmahl und sitzen gemeinsam auf Bänken, ähnlich wie auch bei der Hel die Toten gastlich aufgenommen werden.

Die bei den Germanen berühmte, unverbrüchliche Gastfreundschaft findet ihre Entsprechung in den Mythen.
So ist es wohl auch zu erklären, daß heidnische germanische Stammesfürsten oft arglos die Einladung römischer Feldherren oder bereits christlicher Frankenherrscher annahmen und dies bitter bezahlten.

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