Sif

Wir denken uns, der heißeste Monat des Jahres sei angebrochen. Wir haben August und die Sonne brennt heftig vom Himmel. Der alte Name dieses Monats ist Ernting und in der Tat ist es der Haupterntemonat des Jahres. Wenn wir jetzt über Land gehen und voll Freude über weite Felder schauen, sehen wir Getreideähren, die sich hunderttausendfach im Winde wiegen. Diese wogenden Felder sind der Ausdruck der Göttin Sif.

Die Göttin Sif ist die Frau des Thor und die Mutter Ullrs. Sie ist die Erntepracht des Sommers und hat wunderschönes goldenes Haar, weswegen sie auch die haarschöne Göttin genannt wird. Um dieses Haar rankt sich auch ein Mythos, der nicht nur für Sif, sondern für alle Götter von großer Bedeutung ist.

Im Skaldskaparml (Sk.c.35) wird berichtet, Loki habe der Sif das Haar geschoren. Um der Rache des Thor zu entgehen, entbot er sich, von kunstfertigen Zwergen neues Haar schmieden zu lassen, das dem alten in Schönheit ebenbürtig sein und sogar nachwachsen solle.

Loki fuhr nun zu Iwaldis Söhnen, die ihm das Haar und zugleich Skidbladnir und Odins Speer Gungnir fertigten. Das war ihm aber nicht genug und so fuhr er zu anderen Zwergen, die Brock und Sindri hießen und verwettete sein Haupt für den Fall, daß sie bessere Kleinode machen könnten. Die beiden gingen sogleich an die Arbeit, Sindri schmiedete, und Brock stand am Blasebalg, wobei er auf keinen Fall aufhören durfte, zu blasen, solange das Schmuckstück in der Esse lag.

Loki, der diesen Plan gerne verderben wollte, stach Brock in Gestalt einer Bremse ohne Erfolg in Hand und Hals, beim dritten Mal jedoch so heftig zwischen die Augen, daß der Zwerg sich das Blut abwischte und einen Moment im Blasen innehielt. So waren die ersten beiden Schmuckstücke, der Eber Gullinbursti und der Ring Draupnir, unverdorben, während das dritte, der Hammer Miöllnir, einen zu kurzen Stiel hatte.

Nach Asgard zurückgekehrt, sollte die Wette entschieden werden und Odin, Thor und Freyr wurden zu Richtern bestellt.

Loki gab nun dem Odin den Spieß Gungnir, der sein Ziel nie verfehle, dem Freyr das Schiff Skidbladnir, das immer Fahrtwind habe und klein wie ein Taschentuch zusammengefaltet werden könne. Dem Thor schließlich gab er das versprochene Haar. Brock darauf gab Odin den Ring Draupnir, von dem in jeder neunten Nacht acht weitere Ringe träufeln würden, Freyr bekam den Eber Gullinbursti, der immer leuchte und nie in die Irre laufe und Thor schließlich erhielt Miöllnir, den Hammer gegen die Riesen, der sein Ziel stets treffe.

Die Götter entschieden, Miöllnir sei das wertvollste Geschenk und Brock habe die Wette gewonnen. Dieser wollte Lokis Kopf abhauen, aber der rettete sich mit der Bemerkung, nur sein Kopf, nicht aber der Hals stehe zum Pfand. Erbost nähte Brock ihm daraufhin die Lippen zusammen. So kommt Loki zu seinen ausgerissenen Lippen, wie ja auch das Wildfeuer, das er symbolisiert, schartige, gezackte Flammen hat.

Sif, die Erdgöttin, spielt in der Ausführung dieser Geschichte keine Rolle, ist jedoch der Auslöser. Sie ist eine besonders wichtige Ausprägung der Natur. Es gibt ja die drei Göttinnen Freya, Frigg und Hel, die die Erde in ihren Phasen Frühjahr, Sommer und Herbst/Winter darstellen. Sif ist die Göttin der Ernte, sie stellt die Natur in einem ganz bestimmten Zustand dar, in dem Zustand nämlich, in dem die Erde ihren Reichtum und ihre Fülle an ihre Kinder, die Tiere und Menschen, weitergibt, denn das Getreide ist, damals wie heute, unsere Hauptnahrungsquelle.

Das Fest, das der Sif geweiht ist und das jedes Jahr im Heuert oder Ernting (Juli oder August) zu Vollmond begangen wird, ist das Leinerntefest. Sif wird hier zusammen mit Thor und Frigg angerufen. Der Name des Festes zeigt übrigens die enorme Bedeutung, die der Lein oder Flachs bei unseren Vorfahren hatte. Aus ihnen wurde nahrhaftes Öl gewonnen, die Fasern wurden gehechelt und zu Leinen versponnen und die Abfallprodukte (Werg, Hede) als Polster- und Abdichtmaterial verwendet.

Auch im Märchen wird das Motiv der Flachsspinnerinnen gerne aufgegriffen. Sifs abgeschnittenes Haar findet seine naturmythologische Entsprechung natürlich bei dem Getreide, welches auch jedes Jahr abgeschnitten wird und trotzdem wieder nachwächst.

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