Thor

Der Gott Thor, in Deutschland hieß er Donar, hatte bei unseren Vorfahren eine herausragende Bedeutung. Er ist der Sohn Odins und der Jörd („Erde"), seine Kinder sind Magni (Stärke), Modi (Zorn) und Thrud (Kraft) und stehen auch für Charaktereigenschaften Thors. Seine Frau ist die Göttin Sif, eine Erdgöttin, die das erntereife Getreidefeld und die Ähren auf dem Halm, also die Fülle der Natur darstellt.

Die naturmythologische Verbindung zwischen dem Landregen und den Feldern, auf die er regnet, ist offensichtlich. Thor ist der Gott des zuckenden Blitzes und des krachenden Donners. Er ist das Gewitter, das die schwüle Sommerhitze zerreißt und der fruchtbare Landregen, der die trockenen Pflanzen zu neuem Leben erweckt.

Er ist einer der Götter, über die es die meisten Geschichten und Erzählungen gibt, unzählige Mythen ranken sich um ihn und seine Reisen. Ich werde einige davon erzählen, um deutlich zu machen, welche Wesenszüge diesen Gott ausmachen und welche Aufgaben er zu erfüllen hat.

Bei zwei von acht Jahresfesten wird Thor angerufen, einmal zu Ostern, im März und das andere Mal zu Leinernte im August.

Zuerst zum Osterfest. Dort bittet man ihn um Hilfe bei der Vertreibung der Winterriesen. Thor ist ja der stärkste der Götter, und er besitzt eine Waffe, die ihn nahezu unbesiegbar macht, seinen Hammer Miöllnir. Dieser Hammer trifft, wenn er einmal geworfen wurde, sein Ziel immer, und es gibt niemanden, der gegen ihn gefeit wäre. Thor ist daher der Feind aller Riesen.

Die Riesen stellen die lebensfeindlichen Mächte dar, die wegen ihrer übergroßen Kraft und Gewalt zerstörend wirken. Sie bedingen den Winter, der ja für eine Erneuerung de Erde notwendig ist, aber im Frühjahr ist ihre Zeit vorbei und die Menschen bitten Thor, die Winterreisen zu vertreiben, damit der Frühling rasch Einzug halten kann.

Daher kann man auch zu dieser Zeit die ersten richtigen Gewitter beobachten, die die Kämpfe zischen Thor und den Winterriesen darstellen.

In diese Zeit gehört auch der Mythos der Thrymskvida bzw. Hamarsheimt, welcher in der Liederedda beschrieben wird. Thor erwacht im Frühjahr und findet seinen Hammer nicht. Loki bringt in Erfahrung, dass der Riese Thrym den Hammer gestohlen hat und für die Herausgabe die Göttin Freya zur Frau Begehre.

Die Götter sind über dieses Ansinnen empört und sinnen darüber nach, wie dieser Hammer wiederzubeschaffen sei. Da macht der weise Heimdall den Vorschlag, Thor solle sich als Freya verkleiden und in Begleitung Lokis, getarnt als Kammerzofe, das Vertrauen des Riesen erwerben und ihn im rechten Moment überlisten. Nach großem Gepolter und Sträuben sieht Thor die Notwendigkeit des Unterfangens ein und begibt sich mit Loki auf die reise.

Beim Riesen angekommen, hat Loki alle Mühe, diesem den mächtigen Appetit und den stechenden Blick seiner „Braut" glaubhaft zu machen. Endlich wird Hochzeit gehalten und bei der Trauung nach altem Brauch der Hammer der Braut in den Schoß gelegt. Dies ist der Augenblick, in dem ein Grinsen über Thors Gesicht fährt und die Riesen ein jähes Ende finden. Thor und Loki kehren nach Asgard zurück.

Naturmythologisch wir d hier der späte Winter und das zeitige Frühjahr beschrieben (Hornung/Lenzing). Es ist dies die Zeit, zu der Thors Macht anfangs noch klein ist, durch den Wiedergewinn des Hammers Mjöllnir aber beträchtlich zunimmt. Ostern ist ja schließlich auch genau die Zeit im Jahr, zu der die Tage und die Nächte genau gleich lang sind, die Tage aber länger werden, zu der also die Macht der Götter über die der Reisen obsiegt.

Das zweite Jahresfest, zu dem Thor eine große Rolle spielt, ist Leinernte.

Es ist die Zeit, zu der das Korn bereits reif auf den Äckern steht, aber noch durch Dürre, Sturm oder andere Widrigkeiten zerstört werden kann.

Übertragen bedeutet das, dass uns ein angestrebtes Ziel bereits greifbar vor Augen steht, und wir fürchten, noch auf den letzten Metern zu straucheln.

Der Schutz- und Fruchtbarkeitsgott Thor wird daher um süßen Regen angerufen und um Schutz vor Korndämonen, Riesen und allen anderen zerstörerischen Umständen.

Eine hierzu passende Geschichte ist die des Kampfes zwischen Thor und Hrungnir, die im Skaldskaparmal in der jüngeren Edda beschrieben wird. Es entbrennt ein Zweikampf zwischen Thor. Dem stärksten der Götter und Hrungnir, dem stärksten der Riesen, den Thor siegreich beendet.

Es ist das Ringen der aufbauenden mit der zersetzenden Kraft, wobei diesmal noch die aufbauende Kraft das bessere Ende für sich hat. Man kann sich vorstellen, daß in einer bäuerlichen Kultur das Einbringen einer reichen Ernte für das Überleben der Gemeinschaft entscheidend war. Die Sorge um diese Ernte ist natürlich am größten, wenn diese bereits zum Greifen nahe ist. Daher ist Thor auch, zusammen mit der Erdgöttin Frigg, die wichtigste Gottheit des Bauernstandes und sein Kult war in ganz Mittel- und Nordeuropa verbreitet.

Im Spätherbst dann, wenn der Winter naht, naht auch Thors letzter Kampfe, den er mit der Midgardschlange ausficht. Die Midgardschlange ist eine Schlange oder ein Drache von so unglaublicher Größe, daß sie den ganzen Erdball umspannt. Zum Götter Schicksal, dem Ragnarök, schließlich kämpft sie auf der Seite der Riesen. Thor tritt gegen sie an und tötet sie mit seinem Hammer Mjöllnir, kann danach aber auch nur noch neun Schritte rückwärts machen, bevor er ihrem Giftatem zum Opfer fällt.

Mit Thors Tod haben auch die Menschen ihren Beschützer verloren und ziehen sich vor der Natur zurück. Es ist die Zeit im Jahr, zu der alles Leben sich in Häuser, Höhlen oder den Erdboden zurückzieht und die Erde kalt und abweisend ist.

Die Erde stirbt, um sich im Winter zu erneuern und im kommenden Frühjahr in neuer Blüte zu erscheinen, und zu der Zeit wird auch Thor zu neuem Leben erwachen und durch seine Kraft und Stärke den Menschen, Tieren und Pflanzen Schutz bieten. Der Winter aber ist die Zeit der Riesen, die Zeit der notwendigen Erneuerung.

Der Gott Thor ist mutig, stark und geradeheraus in seinem Wesen, er strebt nicht, wie Odin, nach tieferer Weisheit und Erkenntnis, weiß sich aber nicht nur durch Kraft, sondern auch durch List durchzusetzen, wie sein Wettstreit mit dem Zwerg Alvis (Alvismal) zeigt.

Thor ist das Gewitter, das die schwüle Hitze zerreißt, der warme Landregen, der Labsal und Erfrischung bringt, die ersten Frühlingsgewitter, die die winterliche Starre aufbrechen. Er ist die Kraft, die man anruft, wenn man etwas weihen will und wenn man um Schutz bittet.

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09. April 2018
April-Stammtisch fällt aus


Aufgrund einer Vereinssitzung fällt der Stammtisch im April aus. Der nächste Stammtisch findet am 12.05.2018 statt.
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Nachruf auf Einar


Nun bist Du fort! Viel zu früh und auf eigenen Wunsch. Unzählige Feste haben wir zusammen gefeiert, zusammen getrommelt, gelacht und gesungen, Alltägliches erlebt und Besonderes, und ...
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17. November 2015
30 Jahre Heidnische Gemeinschaft


Seit 1985 besteht die Heidnische Gemeinschaft als Verein. Grund genug für uns, ein ordentliches Fest zu veranstalten. Mehr dazu hier oder auf unserer Facebook-Seite.
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