Der Apfel und der Apfelbaum

ein Märchen von Hans Wagner

Der alte Apfelbaum im Garten ließ das Laub fallen, Wenige Äpfel hatte er getragen in diesem Jahr. Von Jahr zu Jahr sind es weniger geworden. Alt und grau stand der Apfelbaum im herbstlichen Garten. Die Herbstwinde schüttelten ihn arg, und in den Nächten legte sich manchmal schon eisiger Raureif um ihn. Hoch oben im fast dürren Gewipfel seiner Äste hing einsam an einem Zweig noch ein vertrocknetes Äpfelchen, das nicht zu Boden fallen wollte. Als in der Nacht der Vollmond über dem Garten stand, führten der Apfel und der alte Baum ein Zwiegespräch. "Ach", sagte der Apfel zu dem Baume, "alle meine Geschwister sind schon gepflückt oder gefallen, nun werde wohl auch ich bald von dir gehen müssen. Die Sonne scheint nicht mehr warm, die Vögel singen keine lustigen Lieder mehr, bald werde auch ich nicht mehr hier hängen. Sag, Baum, ist es wahr, daß im nächsten Jahr hier an meinem Platze wieder andere Äpfel hängen?" "Ja", sagte der Baum, "das ist wahr, wenn auch unvorstellbar für dich." "Ach, wie wunderbar", sagte das Äpfelchen, "schade, daß ich es nicht mehr erleben kann. Wie schön das wäre, noch einmal ein Frühjahr und einen heißen Sommer lang hier zu wachsen." "Klage nicht", sagte der Baum, "was soll ich erst sagen, ich bin alt geworden, in meinen Gliedern hausen Insekten und Raupen, bald wohl werde auch ich geschlagen, weil ich dann keine Frucht mehr trage." Es war kalt, der Wind wehte stärker, dem Äpfelchen fröstelte es. "Sage Baum, was geschieht mit deinem Holze, wenn man dich erschlägt, Baum?" "Man wird es wohl im Winter verbrennen", sagte der Baum, "und die Menschen werden sich an ihm wärmen." "Und nach dir wird dann ein neuer Baum hier stehen?", fragte der Apfel den Baum. "Das weiß ich nicht", sagte der Baum und schlief ein. In dieser Nacht tobte ein starker Sturm, riß das Äpfelchen vom Aste und entwurzelte den alten Apfelbaum aus der Erde. Am nächsten Morgen kam der Gärtner, zersägte den alten Baum, fuhr das Holz weg. Das vertrocknete Äpfelchen verschwand unter einer Schicht Laub. Im Winter fiel Schnee darauf, und im Sommer war es nicht mehr zu sehen. Doch ein Kern des Apfels lag in der warmen, schwarzen Erde, und viele, viele Jahre später stand hier wieder ein früchtetragender Apfelbaum. Und in irgendeinem Herbste hing wieder ein vertrocknetes Äpfelchen alleine im Gewipfel des Baumes. Der Wind wehte kalt, und die Nacht hatte Raureif. Äpfelchen und Baum erzählten miteinander. Der Wind blies auf. "Ach", sagte der Baum, "mir kommt dies alles so bekannt vor, so als hätt' ich's schon einmal erlebt." "Mir auch", sagte das Äpfelchen. Der Wind blies stärker. "Nun wirst du bald gehen", sagte der Baum. "Ja", sagte das Äpfelchen, "die Zeit ist da." Da blies der Wind ganz stark. "Ach", sagte der Baum. Da fiel das Äpfelchen, doch während es fiel, rief es dem Baume zu: "Auf bald, bis zu einem neuen gemeinsamen Sommerjahr."

Aktuelles

09. April 2018
April-Stammtisch fällt aus


Aufgrund einer Vereinssitzung fällt der Stammtisch im April aus. Der nächste Stammtisch findet am 12.05.2018 statt.
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23. Dezember 2016
Nachruf auf Einar


Nun bist Du fort! Viel zu früh und auf eigenen Wunsch. Unzählige Feste haben wir zusammen gefeiert, zusammen getrommelt, gelacht und gesungen, Alltägliches erlebt und Besonderes, und ...
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17. November 2015
30 Jahre Heidnische Gemeinschaft


Seit 1985 besteht die Heidnische Gemeinschaft als Verein. Grund genug für uns, ein ordentliches Fest zu veranstalten. Mehr dazu hier oder auf unserer Facebook-Seite.
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