Die Wilde Jagd

In ganz Deutschland ist die Sage von der Wilden Jagd oder dem Wilden Heer bekannt. Es gibt wohl niemanden, der nicht irgendeine dieser weitverbreiteten Sagen einmal hörte; in allen deutschen Landschaften wird sie heute noch erzählt. Dagegen ist die Zahl jener gering geworden, die selbst glauben, die Wilde Jagd einmal gesehen oder wenigstens gehört zu haben. Man weiß über sie nur, was von den Vorfahren her darüber erzählt wird, und das ist immerhin noch eine ganze Menge. Wegen dieser starken Verbreitung muß man feststellen, daß der Sagenkreis von der Wilden Jagd einer der wesentlichsten innerhalb der deutschen Volkserzählungen überhaupt ist, und gerade bei ihm nun sind wir in der glücklichen Lage, beobachten zu können, daß er auf uralter Überlieferung beruht. Er reicht in die germanische Zeit zurück. Das ergibt sich einmal aus alten Belegen selbst, sodann daraus, daß in ähnlicher Weise die Sage vom Wilden Heer auch in anderen germanischen Ländern Europas bekannt ist. Betrachten wir die zahlreichen deutschen Sagen von der Wilden Jagd, die in allen Landschaften von fleißigen Sammlern aufgezeichnet wurden, so erkennen wir leicht bestimmte Grundzüge, die immer wiederkehren. Zwar wechseln die Namen von Landschaft zu Landschaft, aber die Grundgestalt bleibt. In den Sturmnächten des Winters, vor allem in den Zwölf Heiligen Nächten der Weihnacht und in der Fasnachtszeit, daneben aber auch an Festtagen des Mai, zieht die Wilde Jagd um.

Nachts fährt sie im Sturm in den niedrigen Wolken über die Wälder hin. Meist hört man nur, so erzählt man sich, ihr Lärmen und Toben, ohne daß man etwas sehen kann. Manchmal will man bestimmte Einzelheiten wahrgenommen haben, so das Knallen von Peitschen, das Blasen von Hörnern, das Wiehern und Schnauben von Rossen, das Gekläff von Hunden. Rosse und Hunde fehlen fast nie im Zuge der Wilden Jagd, ja mitunter besteht sie nur aus einem Reiter auf einem weißen Pferde, der umgeben ist von einer Meute Hunde. Öfter ist der Schimmelreiter auch der Anführer einer grösseren Schar von Männern, die ihm ebenfalls beritten folgen. Mit einem großen Toben und Lärmen braust es heran, zieht manchmal dicht über die Dächer weg, durch die Dorfstraßen hindurch und verschwindet dann in der Ferne. Mitunter auch verwandelt sich das Lärmen und Brausen in eine wunderbare Musik, wie sie sonst auf Erden nicht zu hören ist. Erst wenn es nahe herankommt, klingt es dann wieder wie ein schreckliches angsterfülltes Toben. Davon hat die Wilde Jagd in manchen Gegegnden sogar einen besonderen Namen nd heißt die Englische oder die Wilde Musik. Ferner erzählt man, daß der Wilde Jäger am ganzen Leib brennt oder daß das Wilde Heer von einem feurigen Glanz umgeben ist und eine feurige Spur hinterläßt. Sehr merkwürdig und heute noch nicht genauer untersucht, ist der immer wiederkehrende Zug in unserer Volkssage vom Wilden Heer, daß es ganz bestimmte Wege in jedem Jahr entlang zieht. Es kommt aus einer ganz bestimmten Richtung, zieht über jenen Berg, über den und den Weg, am Hause eines bestimmten Bauern vorbei, und nicht nur dies: zur bestimmten Stunde erscheint es auf diesen Wegen. Man hat vermutet, daß es sich bei diesen Wegen, über die die Wilde Jagd zieht, um alte Kultstraßen handelt, und das bestätigt sich daraus, daß es auch heißt, das Wilde Heer ziehe über die Grenzwege. "Wo de Grenzen gahn hebben, dor sall de Will Jagd treckt hebben", erzählt man in Mecklenburg. Diese Dorfgrenzen wurden bekanntlich früher, wie es zum Teil heute noch hier und da geschieht, jährlich einmal in feierlichem Umzuge umgangen oder umritten. Hier berührt sich die Sage also eng mit einem Brauch, und das läßt sich noch häufiger beobachten. Zu bestimmten Zeiten wurde das Wilde Heer von maskierten Burschen dargestellt. Das geschah in den Zwölf Heiligen Nächten und vor allem in der Fasnachtszeit, deren volkstümliche Maskenbräuche, die in den Städten längst zu einem bloßen Spiel verflachten, auf dem Lande noch vielfach den alten Sinn deutlich bewahrten. Sehr aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang folgende Erzählung aus dem Hannoverschen: "In den Zwölften jagt der Helljäger (so heißt hier der Wilde Jäger) auf der Erde, zu anderer Zeit zieht er durch die Lüfte." Auf der Erde zieht er eben an den alten Festtagen, an denen er dargestellt wird. Im Brauchtum der zwölf Nächte ist der Schimmel eine immer wiederkehrende Gestalt. Ein Bursche wird mit Hilfe eines weißen Lakens, mit dem er bedeckt wird, und eines Pferdeschädels, der ihm vorgebunden wird, in einen Schimmel verwandelt; er erscheint unter großem Halloh in den Spinnstuben und weissagt den Mädchen. Ein verbreiteter Sagenzug ist es, daß dort, wo das Wilde Heer gewesen ist, im kommenden Jahr das Korn besonders gut gedeiht; ganz entsprechend knüpft sich derselbe Glaube an den Tanz der maskierten Burschen, die in den Zwölften und der Fasnachtszeit das Wilde Heer darstellend umziehen. Der Bauer sieht es sehr gern, daß sie auf seinem Acker herumtollen, denn wo sie getanzt haben, da wird das Getreide so hoch wachsen, wie ihre Sprünge waren. Das Wilde Heer bilden die segenbringenden Totenseelen der gefallenen Krieger, die zu bestimmten Zeiten aus dem Berge, dem Totenberge, hervorkommen und umherziehen. Ihr Kommen ist den Lebenden erwünscht, denn sie bringen Glück und Gedeihen. Aus diesem Volksglauben erklärt sich der Brauch, die Wilde Jagd darzustellen. Die Burschen, die das Wilde Heer verkörpern, sind, solange das Fest dauert, in die Toten verwandelt, die sie darstellen. Daher dürfen sie nicht während des Umzuges mit ihrem Namen angerufen werden. Die Umstehenden, die unter den Maskierten einen Bekannten erkennen, dürfen den Namen nicht nennen. Sie rauben sonst dem Betreffenden jene Segenskraft, die er als in den Vorfahr Verwandelter besitzt und weiterzugeben vermag. Mit seinem eigentlichen Namen genannt, wird er aber entmächtigt und in die Alltagssphäre zurückgezogen. Im einzelnen ist in die vielfältigen Sagen, die sich um die Erscheinung des Wilden Heeres gesammelt haben, auch manches Jüngere eingeflossen. Weit verbreitet ist die doppelte Bezeichnung desselben Erscheinungsbildes: Wildes Heer und Wilde Jagd. Immerhin spricht einiges dafür, daß die Bezeichnung Wilde Jagd jünger ist. Wesentlich gehören zur Wilden Jagd eben Reiter und Hunde, wesentlich ist ferner das Rufen und Hörnerblasen, so daß diese Erscheinung immer wieder die Erinnerung an einen Jagdzug hervorrief und so den Namen "Wilde Jagd" veranlaßte.

Aus diesem Namen wird nun Weiteres herausgesponnen. Der Anführer der umziehenden Totenseelen wird als Wilder Jäger oder Ewiger Jäger bezeichnet, und es besteht die späte Verlegenheitserklärung, die keine echte Volkssage ist, der Wilde Jäger sei irgendein Förster oder Adeliger, der in dieser Gegend einmal gelebt habe und der durch seine verderbliche Jagdleidenschaft sich habe hinreißen lassen, selbst Sonntags während des christlichen Gottesdienstes auf die Jagd zu gehen. Daher sei er verdammt, ewig zu jagen und keine Ruhe zu finden. Das Totenheer und sein Anführer ziehen nicht dauernd umher, sondern nur selten und meist zu ganz bestimmten Zeiten, sonst aber ruhen sie im Totenberg. Spät ist auchdie Auffassung, daß das Erscheinen des Wilden Heeres Unglück bedeutet. Die echte, alte Volksüberlieferung meint, daß es velmehr Segen bringt. Dagegen ist wederum gut seit alters bezeugt, daß das Erscheinen des Wilden Heeres den Krieg anzeigt. Wir müssen das genauer so auffassen: Wenn das Totenheer zu einer anderen Zeit als der gewohnten, in der es in einer bestimmten Landschaft zu erscheinen pflegt, gehört wird, so schließt man daraus auf einen bevorstehenden Kampf. Die erscheinenden Totenseelen sind gefallene Krieger, die ihren Stammesgenossen zu Hilfe eilen, denen sie in der Schlacht zur Seite stehen. Von hier aus ergibt sich die Erklärung für den anderen Namen des Wilden Heeres, ferner aber auch für den wichtigsten Namen des die Kriegerschar anführenden Schimmelreiters, den wir bisher noch nicht nannten. Der Anführer heißt nämlich häufig "der Wode". Dieser Name ist in der vielfältigsten Weise in den einzelnen Landschaften mundartlich abgewandelt. Aus Dänemark ist uns der Name Odinsjäger überliefert, in Schweden spricht man von der Odensjagd, dem entspricht in Deutschland eine Bezeichnung Wodansjagd bzw. Wodansheer, aus der dann im Althochdeutschen Wuotansheer werden mußte. Dieser Name ist uns noch erhalten in den Bezeichnungen Wuotas Heer, Wütenheer u.s.w. Als sie nicht mehr verstanden wurden, machte man daraus das "Wütende Heer". Es ist also der erstaunliche Befund festzustellen, daß hier bis in die Gegenwart hinein der Name des germanischen Hauptgottes, des Kriegergottes Wodan, der nordgermanisch Odin heißt, erhalten geblieben ist. Nach altgermanischer Mythe sammelt Odin um sich die besten Krieger, und nur der im Kampf Gefallene kommt zu ihm nach der Glanzburg Walhall. Sie sind auserwählt, unter Anführung des Gottes selbst in der Endzeit zum Kampf anzutreten gegen die Mächte der Weltzerstörung. Daß die Erscheinung des Wilden Heeres zu einer besonderen Zeit einen Kampf anzeigt, ist uns durch den isländischen Gelehrten und Dichter Snorri bereits für Schweden im 12. Jh. bezeugt: "Die Schweden glaubten, Odin offenbare sich ihnen, bevor große Kämpfe stattfänden." An einer anderen Stelle schildert er eine solche Offenbarung Odins vor einem Kampfe als einen Durchzug des Wilden Heeres. Manchmal, so erzählt man in ganz Deutschland, zieht das Wilde Heer nicht nur mitten durch Dörfer hindurch, sondern sogar durch ein Haus oder eine Scheune, die auf seinem Weg liegt. Im allgemeinen gilt es für gefährlich, der Wilden Jagd allzu nahe zu kommen, man muß ihr den Weg frei machen, sich hinwerfen; man soll auch nicht vorwitzig ihr auflauern, denn wie viele Sagen zu berichten wissen, sind schon manche von der Wilden Jagd mitgenommen und fern der Heimat an fremden Orten erst wieder nach der Luftreise abgesetzt worden.

Entsprechend soll man in der Zeit, in der im allgemeinen das Wilde Heer zieht, auch die Türen und Fenster zuhalten, sonst dringt die Schar in das Haus ein. Besondere Vorsichtsmaßregeln sind notwendig bei Häusern, in denen zwei Tore vorn und hinten sich geradewegs gegenüberliegen. Durch sie zieht der Wilde Jäger gern hindurch. Von vielen solchen Häusern wird erzählt, daß es ganz unnütz gewesen wäre, in der Zeit des Umzuges des Wilden Heeres die beiden gegenüberliegenden Tore geschlossen zu halten; vielmehr seien sie beim Herannahen der Wilden Schar aufgesprungen. In rasendem Galopp zog sie hindurch, worauf die Tore wieder zuschlugen. Oder es heißt, der Knecht des einsamen Bauernhauses, durch das jährlich das Wilde Heer hindurchzog, mußte immer rechtzeitig dafür sorgen, daß die Tore geöffnet wurden, die sonst zerschlagen worden wären. Wie wir schon sahen, sind viele Züge unserer Sagen von dem mit ihm eng verknüpften Brauchtum beeinflußt. Auch die Sage vom Durchzug des Wilden Heeres gründet in einem Kultbrauch. Zu bestimmten Festzeiten, aber auch vor und nach dem Kriege, wurden bestimmte Torbauten durchzogen, von dem ein letzter Ausläufer übrigens noch in unseren Triumphtoren und Ehrenbogen erhalten ist. Der Durchgang durch das Kulttor bedeutet nach alter Auffassung Wiedergeburt und Vereinigung mit den göttlichen Ahnenseelen. Die Kriegerschar, die durch das Tor hindurchzieht, schmiedet sich zu einer Bruderschar eng zusammen und vereinigt sich mit den göttlichen Ahnen, die ihnen in ihrem Kampf helfen und den Sieg verbürgen. Diese enge Verknüpfung und das Ineinanderspielen von Sage und Brauch bestätigen wieder, mit wie alten Überlieferungen wir es hier zu tun haben. Die Sage vom Wilden Heer ist im Kern ein altes Erbe aus heidnischer Zeit.

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Nun bist Du fort! Viel zu früh und auf eigenen Wunsch. Unzählige Feste haben wir zusammen gefeiert, zusammen getrommelt, gelacht und gesungen, Alltägliches erlebt und Besonderes, und ...
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Seit 1985 besteht die Heidnische Gemeinschaft als Verein. Grund genug für uns, ein ordentliches Fest zu veranstalten. Mehr dazu hier oder auf unserer Facebook-Seite.
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